Fidelio

»Angesichts der beiden Frauenschicksale hat es die Musik nicht einfach, sich zu behaupten. Aber Markus Poschner am Pult des Bruckner Orchesters gelingt es bestens, die musikalischen Seelenzustände in beiden Dramen zu verlebendigen: bei Beethoven energisch, aber auch rücksichtsvoll für die Singstimmen, bis zum atemberaubenden Tempo des Schussjubels. Das Orchester spielt in zwei Ensembles. Bei ›Fidelio‹ in großer Besetzung aus dem Orchestergraben, bei ›Twice through the heart‹ als eigenes Kammerensemble im Bühnenhintergrund. Die ›moderne‹ Instrumentierung zeigt sich handlungsgerecht, mit Akzenten bei den Bläsern, der Harfe und dem Schlagwerk.«

APA, 20.09.2020
Foto: Herwig Prammer

Markus Poschner und das Bruckner Orchester Linz

Markus Poschner über Ludwig van Beethoven und Fidelio

Man kann Ludwig van Beethovens Bedeutung für ein Orchester im Grunde nicht hoch genug einschätzen. Für jedes Ensemble sind seine Werke das absolute Zentrum, die Messlatte schlechthin, Alpha und Omega. Das hat zwei sehr klare Gründe: einerseits verlangt er von den Ausführenden eine schon beinahe existenzielle Intensität und Kompromisslosigkeit, die Musikmachen zu einer Sache auf Leben und Tod steigert, andrerseits emanzipiert er jedes einzelne Musikinstrument wie niemand zuvor, löst es aus seinem bisherigen gewohnten Umfeld heraus und mutet ihm obendrein noch nahezu unlösbare Aufgaben zu. Die Anforderungen an die Musiker sind mit nichts zu vergleichen. Jedes Instrument ist personalisiert, spezialisiert, repräsentiert einen bestimmten Charakter, hat eine genau definierte Funktion, wie Figuren in einem Theaterstück. Dies wiederum macht das Zusammenspiel zu einer neuen Herausforderung. Es geht darum viel Mitzudenken, Mitzuhören, Mitzufühlen, wir brauchen eine extreme Wachheit und Reaktionsfähigkeit. Erschwerend kommt hinzu, dass die Romantik, die als Epoche zwischen uns und Beethoven steht, sich wie Mehltau über Beethovens Partituren gelegt hat und uns manchmal die Sinne, zu interpretieren, zu entscheiden, mit offenen Augen und Ohren dabei zu sein, betäubt. Die sogenannte Tradition verhindert wieder einmal einen klaren Blick auf die Partituren.

Wohl kaum ein Komponist hat seit seiner Lebenszeit eine derart lückenlose Rezeptionsgeschichte wie Beethoven. Daher hat sein Werk auch in unserer Wahrnehmung im Laufe der Zeit eine starke Veränderung durchgemacht. Jede Generation las aus seinen Partituren etwas anderes heraus, beanspruchte den Komponisten sozusagen für sich allein. Das schult uns heute als Musiker ganz immens, nicht diesen Überlieferungen und gutgemeinten Traditionen zu trauen, sondern nur dem Text, der eigentlichen Urquelle. Beethoven ist ein Orchestererzieher par excellence, er verlangt diese große bedingungslose Genauigkeit bei gleichzeitig kaum zu übertreffender Emotionalität. Herz und Verstand sind in perfekter Balance.

Orchestergraben
Markus Poschner
Orchestergraben

Eine Frage, die sich sicher auch im Beethoven-Jahr 2020 besonders stark stellt: Was bedeutet Beethoven für ein Orchester?
Ludwig van Beethoven ist das absolute Zentrum für jedes Orchester, die Messlatte schlechthin, Alpha und Omega sozusagen. Zum einen revolutionierte er die Anforderungen an den Orchesterapparat inklusive der Notation, die sich zwar an die zuvor üblichen Regeln aus der Tradition des Barock und der Wiener Klassik hält, zugleich aber weit darüber hinausgeht. Man könnte sagen, Beethoven personalisierte jedes Orchesterinstrument, emanzipierte es und erweiterte deren Aufgaben bis an die Grenze des Machbaren. Es existieren viele zeitgenössische Berichte, wonach Musiker sich lautstark bei ihm beschwerten, das sei alles gar nicht mehr spielbar. Es lies keinen Stein auf dem anderen, Musikmachen war nun eine Sache auf Leben und Tot. Obwohl Beethoven äußerte exakt notiert, muss sehr aktiv interpretiert werden, alles ist in Bewegung, alles phrasiert und von größter Lebendigkeit. Beethoven zu spielen schult ein Orchester bis aufs Äußerste, denn er fordert Genauigkeit, eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Text und dennoch ein Klangdenken bis hin zu größter Intimität und Zartheit. Beethovens Werke spielen, bedeutet auch immer eine Botschaft transportieren, eine Mission haben. Es ist gibt kaum emotionalere Musik.

Welchen Stellenwert hat seine einzige vollendete Oper Fidelio heute?
Der Revolutionsgedanke, der in diesem Werk steckt, reizt natürlich sehr und prägt vorwiegend auch die Musik: verführerisch, wild und ungezügelt, voller Emotion, gerade in den großen Momenten, in denen der Befreiungsgedanke so stark in den Vordergrund tritt. Selbstverständlich ist Fidelio im Geiste einer Revolutionsoper lesbar, da sind aber auch sehr intime, singspielhafte Momente, manchmal beinahe schon eine Operette. Insgesamt ist das ein unglaublich spannender Punkt. Es geht sehr stark um Themen, die uns auch heute zutiefst beschäftigen und berühren: Einsam sein, gefangen oder frei sein, was bedeutet überhaupt persönliche Freiheit und welche Rolle spielt dies in unserer Idee von Gemeinschaft? Für uns bedeutete das auch, sich bei diesem Werk entscheiden zu müssen. Dieser Beethoven verlangt eine Meinung, einen klaren Standpunkt und das ist faszinierend: es ist so viel möglich in diesem Stück und gerade in unserer Linzer Fassung, in Verbindung mit Mark-Anthony Turnages Twice through the heart wird diese metaphorische Idee und doppelbödige Sinnhaftigkeit auch stark gewollt. Das schafft eine hohe Brisanz und spiegelt gnadenlos uns heutige Menschen.

Wie klingt Turnage und wie geht das mit Fidelio zusammen?
Turnage‘s Werk ist ein sehr intimes, sehr kammermusikalisches Stück, das, obwohl eben beinahe 200 Jahre jünger als der Fidelio, der Sprache, der gedanklichen Konzeption und auch dem handwerklichen Zugriff von Beethoven durchaus verwandt ist. Es ist sehr feingliedrig, polyphon und äußerst verdichtet, ist eindrücklich und farbenreich, zugleich von großer Fragilität. Im Grunde kommt mir Twice through the heart oftmals vor wie die Implosion einer Fidelio-Szene, die Kraft und Energie zwischen beiden Werken ist beeindruckend. Es ist ganz außergewöhnlich, wie diese Kompositionen zwei Seiten einer Medaille wiederzugeben scheinen – inhaltlich, aber auch musikalisch. Sie verhalten sich sozusagen wie spiegelverkehrte Bilder zueinander. Die Stücke stehen in so starker Wechselwirkung, dass auch Beethoven anders klingen wird, die Figuren handeln aufgrund der szenischen Verzahnung auf gewisse Art ebenso anders, reflektierter, abgründiger. Der Abend bekommt dadurch eine neue zusätzliche Dimension, eine spannende Zielgerichtetheit. Diese Idee von sehr großen, sehr extremen emotionalen Zuständen – Freiheit gegen Unfreiheit als Zentrum – kommt viel klarer in unserer Gegenwart an, wenn wir Fidelio und Twice through the heart zusammen hören, zusammen sehen können. Aus der Dunkelheit in das Licht zu gehen bzw. aus dem Licht in die völlige Finsternis, so archaisch das auch klingt, verbindet beide Komponisten und beide Ideen auf zutiefst menschliche Weise.


Fotos: Reinhard Winkler

Premiere

Samstag, 19. September 2020
19.30 Uhr

Landestheater Linz

Bruckner Orchester Linz

LUDWIG VAN BEETHOVEN | MARK-ANTHONY TURNAGE
Fidelio | Twice through the heart

Oper in zwei Akten von Ludwig van Beethoven
Text von Josef Sonnleithner, Stephan von Breuning und Georg Friedrich Treitschke
In deutscher Sprache mit Übertiteln

Dramatische Szene für Mezzosopran und 16 Musiker*innen von Mark-Anthony Turnage
Text von Jackie Kay | In englischer Sprache mit deutschen Übertitel

Markus Poschner

»Man soll zwar Dirigenten nicht als Spezialisten bezeichnen, aber die Affinität zu einem Werk spielt halt auch bei Bruckner eine große Rolle. Und Markus Poschner hat für seinen persönlichen Zugang zu Bruckner schon viel Achtung erfahren, die ihm auch dieses Mal wieder ausgesprochen werden muss. Die selten aufgeführte „Sechste“ hat er im Blut, phrasiert die Sinfonie aus dem Herzen und packte auch jetzt sein gesamtes gestisches Repertoire aus, wie es sich für ein Brucknerfest gehört.«

Oberösterreichisches Volksblatt, 15.09.2020
Foto: Reinhard Winkler

Markus Poschner und das Bruckner Orchester Linz

»Das Bruckner Orchester unter Chefdirigent Markus Poschner leitete ›Das Fidelio Freedom Project‹ ein, das Schauspiel-Duo Maria Hofstätter und Karl Markovics erfüllten es ob eindringlicher Reden (unter anderem von Martin Luther King, Johanna Dohnal sowie Franz und Franziska Jägerstätter) mit Wortsinn.
Poschners in Linzer bereits bestens bekannte Jazz-Runde (Bastian Jütte, Harald Scharf, Hugo Friedrich Siegmeth, Nguyen Le) verwandelte unter anderem Beethovens ›Ode an die Freude‹ in schillernde Aggregatzustände der Musik, raffiniert durchschnitten von den Elektronikern Rubert Huber und Roberto Paci Dalo. Alles blieb dennoch gerahmt von Beethovens Freiheitsoper ›Fidelio‹ mit herausragend vorgetragenen Arien: Erica Eloff (Sopran) und Matjaz Stopinsek (Tenor).«

Peter Grubmüller
OÖNachrichten, 14.09.2020
Foto: Tom Mesic

Fidelio Freedom Project

Bruckner Orchester Linz | Markus Poschner | Ars Electronica Festival | BIG CONCERT NIGHT

Fidelio Freedom Project

Karl Markovics und Maria Hofstätter
Bastian Jütte, Harald Scharf, Hugo Friedrich Siegmeth und Nguyên Lê
Rupert Huber, Roberto Paci Dalo und AGF

Freitag, 11. September 2020, JKU Campus LINZ
Fotos von vog.photo, Tom Mesic, Philipp Greindl / Ars Electronica

Fidelio Freedom Project
Foto: Philipp Greindl
Markus Poschner
Foto: Tom Mesic
Markus Poschner und Bruckner Orchester Linz
Foto: Tom Mesic
Fidelio Freedom Project
Foto: vog.photo
Fidelio Freedom Project
Foto: Tom Mesic
Fidelio Freedom Project
Foto: vog.photo

»Mit intensiver Gestaltung interpretierte Chefdirigent Markus Poschner mit dem Bruckner Orchester die bewegende Fidelio-Ouvertüre.«

Kronen Zeitung

»… eine herausragende Ars-Electronica-Konzertnacht«

OÖNachrichten

Markus Poschner und das Bruckner Orchester Linz

»Nach der längsten Generalpause in der Orchestergeschichte sprühten die Musiker voller Spielfreude, die von Maestro Poschner mit unbändiger Motivation und kreativer Gestaltungskunst noch bis auf das Äußerste gesteigert wurde. Man merkte an Mimik und Gestik – er lebt in der Musik!«

Kronen Zeitung, 24.08.2020
Foto: Reinhard Winkler

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Markus Poschner

»Was hat man hier nicht schon alles erlebt, aber selten eine solche Deutung aus Demut, Ernst und insgesamt bescheiden zurücknehmendem Dirigat für den ›Titanen‹, die zu Ergriffenheit im Publikum führten.«

Oberösterreichisches Volksblatt, 24.08.2020
Foto: Reinhard Winkler

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