Markus Poschner

WOLFGANG AMADEUS MOZART Sinfonie Nr. 36 C-Dur KV 425 »Linzer Sinfonie«

LEROY ANDERSON (Musik), MITCHELL PARISH (Text) »Sleigh Ride«
LEONARD BERNSTEIN (Musik), STEPHEN SONDHEIM (Text), MANFRED MANHART (Arrangement) »Somewhere – One Hand, One Heart«
STEFAN NILSSON (Musik), PY BÄCKMANN (Text), ROMAN HINZE (Übersetzung), TOM BITTERLICH (Arrangement) »Gabriellas Lied« aus »Wie im Himmel«

Bruckner Orchester Linz
Musicalensemble des Landestheater Linz
Markus Poschner Dirigent

Bruckner Orchester Linz

STILLE NACHT, HEILIGE NACHT

Komponist: Franz Xaver Gruber (1787–1863)
Text: Joseph Mohr (1792–1848)

Orchesterarrangement: Ingo Ingensand
Vokalarrangement: Tom Bitterlich

Bruckner Orchester Linz
Musicalensemble Linz (Landestheater Linz)
Leitung: Markus Poschner

Film: Thomas Radlwimmer
Ton: Robert Doppler
Licht: Ivo Iossifov & Philipp Mixa

Aufgezeichnet am 11. Dezember 2020, Musiktheater am Volksgarten Linz

Markus Poschner

Von Markus Poschner.

Töne sind nicht wie Bauwerke oder Gemälde, sie haben keine andauernde objektive Bedeutung, keine unabänderliche Präsenz. Natürlich, da ist die Partitur, das Notenblatt mit mehr oder weniger exakten und ausführlichen Angaben des Komponisten, der auf diese Weise durch die Jahrhunderte hindurch seine musikalischen Gedanken verschlüsseln konnte, ähnlich einer Landkarte, die sozusagen uns musikalischen Wanderern den Weg zum Kunstwerk weisen soll. Die erst tausend Jahre alte Möglichkeit der schriftlichen Notation hat uns einen enormen Reichtum an Kunstwerken konserviert.

Wir wissen aber nur zu gut, dass der weitaus größere Anteil der jemals erdachten menschlichen Musik einen für uns für immer verlorenen Kontinent darstellt, eben weil er nie notiert, sondern rein mündlich weitergegeben wurde und schließlich verschwand. Und hierin erahnen wir das grundlegende Problem und gleichzeitig den eigentlichen Sinn von Interpretation: Jedes musikalische Kunstwerk bedarf einer ständigen Verlebendigung. Es muss immer wieder aufs Neue ausgeleuchtet, abgetastet und schlicht verstanden werden. Dabei ist nicht unbedingt die Neuheit des Gesagten, sondern der Grad der inneren Notwendigkeit, der Menschlichkeit, der Ausdrucksgewalt der Maßstab für die Bedeutung einer Interpretation. Und da ist noch ein weiterer, tieferer Sinn: Das Innere selbst ist der eigentliche Inhalt der Musik, das Subjektive, und das kann immer nur von jemandem dargestellt werden, der seine eigene subjektive Innerlichkeit in das Kunstwerk hineinlegt. Verkürzt gesagt muss folglich das Innenleben des Komponisten durch das Innenleben des Interpreten zum Innenleben des Hörers vermittelt werden. Musik kann sich aber nicht selbst ausdrücken, sie muss immer wieder aktualisiert werden. Musik muss gespielt werden, darum kann ihr Sinn nicht mehr sein als eine Möglichkeit, vom Interpreten entdeckt zu werden. Ihr Sinn ist deswegen vor allen Dingen ein Sein der Möglichkeiten. Davon ausgehend könnte man die Musik als ein Symbol der Unendlichkeit deuten.

Auf ein Kunstwerk, gleich welcher Machart, muss man sich einstellen, es ist ein geschlossenes System, eine geschlossene Welt, eine Welt für sich. Dieses Sich-Einstellen setzt grundlegende Offenheit voraus mit allen Sinnen, nur so hat ein Kunstwerk die Chance, sich in uns zu entfalten und auf uns zu wirken. Wenn wir beispielsweise »Alte Musik« schon hören mit dem Bewusstsein, es sei alte Musik und nicht unsere eigenste und innerste Angelegenheit, ist das Kunstwerk eigentlich verloren und nicht mehr zu retten. Unsere Angewohnheit, dem Werk gerne mit einem historisierenden Blick zu begegnen, ist gefährlich, denn dadurch wird nur unsere Vorstellung von der eigentlichen Aussagekraft erschwert, der tiefere Kern bleibt unsichtbar. Wir leben nicht, sondern reflektieren lediglich über das Leben. Damit verlieren wir die Musik, weil wir uns nicht mehr trauen, die Musik allein zu fühlen, ihr im Moment zu begegnen. Wir geben uns zufrieden mit ihrer Beschreibung – und sei es der abgedruckten im Programmheft. Natürlich haben wir Musiker*innen als Ausführende eine besondere Verantwortung dem reinen Notentext gegenüber, wir sind unter anderem als gewissenhafte Textdeuter ausgebildet worden, verfügen mittlerweile über sämtliche historischen Quellen und Fähigkeiten, um genau »übersetzen« zu können. Wir sollten uns damit aber niemals zufriedengeben, sondern ein natürliches Verhältnis zur Musik im Auge behalten. Eine Komposition ist ein Organismus, allein der Text dabei dient dem Zweck, den ursprünglichen Impuls des Komponisten zu verstehen, nicht mehr und nicht weniger. Dass das Werk so ist, wie es ist, kann nur gefühlt werden. Alles zu planen in einer Aufführung ist ausgeschlossen, der Interpret ist ein Mittel zur Unmittelbarkeit der Musik, ist immer gegenwärtig und gehört niemals der Vergangenheit an. Interpretieren ist also nicht nur Beherrschen, sondern vor allen Dingen auch ein Sich-Hineinleben in die Musik. In einer Aufführung geht es für uns immer um Erfahrung und Verinnerlichung der Musik, nicht nur um Erkenntnis. Nur so wird es möglich, dem »Gegenwärtigen« in der Musik zu begegnen, durch die Angleichung der Zeit des Hörers an die Zeit der Musik. Wir vergessen über die Musik hinaus die Zeit, sie wird bedeutungslos. Nur die Kunst vermag es da ein Gefühl von »Ewigkeit« zu erzeugen, so schafft sie damit etwas, was im Leben nicht möglich ist.

Fidelio

WIDERSPENSTIGER FIDELIO

»In Linz wiederum schminkte man selbige Spieloper gesamthaft auf grau-schwarze Apokalypse um. Umso schöner, dass Musikchef Markus Poschner Beethovens Kunstwerk mit unerhört viel Menschlichkeit erfüllte.«

Daniel Ender
DerStandard, 17.12.2020
Foto: Herwig Prammer

Markus Poschner

Notes are not like buildings or paintings, they have no lasting objective meaning, no unalterable presence. Of course, there is the score, the sheet of music filled with more or less exact and detailed indications by the composer, who was able to encrypt his musical thoughts through the centuries, like a map which is supposed to point us musical wanderers the way to the work of art. Despite being only a thousand years old, written notation has conserved an enormous richness of musical works of art for us.

However, we know only too well that the far greater part of all the music ever thought up by human minds represents a continent forever lost to us, for the simple reason that it was never notated, but passed on orally, ultimately disappearing. And therein, we get an inkling of the fundamental problem, and at the same time the true meaning of interpretation: every musical work of art must be brought to life continuously. Time and again, it must be illuminated, gauged and, quite simply, understood. In doing so, it is not necessarily the novelty of what is being said, but the degree of inner necessity, the humanity, the expressive power that determine the relevance of an interpretation. And then there is another, deeper meaning: our innermost is the true content of music, the subjective, and this can only ever be rendered by someone who puts his own subjective innermost into the work of art. In short, therefore, the composer’s inner life must be conveyed by the inner life of the interpreter in order to reach the inner life of the listener. Music cannot express itself, it must be brought into our present, again and again. Music must be played, that is why its meaning cannot be more than a possibility of being discovered by the interpreter. For this reason, its meaning is an existence of possibilities first and foremost. On this basis, one might interpret music as a symbol of infinity.

We must attune to a work of art, no matter its nature; it is a closed system, a closed realm, a world unto itself. This attuning requires a basic openness of all our senses, for that is the only chance a work of art has to unfold within us and have its effect. When we listen to “Early Music”, for example, with the conscious belief that it is old music and not our own innermost concern, the work of art is already lost beyond redemption. Our habit of encountering works with a historicizing attitude is dangerous, for all this does is to hinder our perception of its true message, while its deeper core remains hidden. We do not live, we merely reflect upon life. We thereby lose music, because we no longer dare to feel music alone, to encounter it in the moment. We settle for its description – if only the printed one in the programme. Of course as performers, we musicians have a special responsibility for the notated score in its purity – we have been trained, among other things, to be painstaking interpreters of the printed page, we have all the historical sources at our fingertips and the ability to “translate” it exactly. However, we should never settle for that, but keep an eye on our natural relationship with music. A composition, however, is an organism, and the only purpose of its text is to understand the composer’s original impulse, no more and no less. The fact that the work is the way it is can only be felt. It is impossible to plan every detail of a performance; the interpreter is a means to make music an immediate experience, is always present and never part of the past. Thus, interpreting is not only mastering, but also a process of living with, in and within the music. To us, a performance is always about experience and internalization of the music, not just about insight. This is the only way of encountering the “present” in music, by making the time of listening the same as the time of the music. Music often causes us to forget our sense of time, and time becomes meaningless. Only art is able to engender a feeling of “eternity” in this situation – thereby creating something which is impossible in life.

Markus Poschner

Dirigent Markus Poschner und das Bruckner Orchester Linz

»Markus Poschner wechselte hier vom Dirigentenpult an den Flügel und zauberte delikate Episoden am Klavier.«

»Mit faszinierender Überzeugungskraft führte Poschner sein Orchester dann durch den titanischen Geist der sinfonischen Schickschalsschläge. Ein kraftvoller Melodienstrom durchzog die Erhabenheit des Werks. Eine wunderschöne Stimmung erfüllte das Andante und mit elementarer Kraft brach am Schluss der lebensfrohe Siegelsjubel hervor. Mit Spielfreude meisterte das Orchester Beethovens volkstümlichste Sinfonie und gestaltete sie zu einem Hörerlebnis, das mit Standing Ovations gefeiert wurde.«

Fred Dorfer
Kronen Zeitung, 20.10.2020
Foto: Petra Moser

Markus Poschner und das Bruckner Orchester

»Das von Chefdirigent Markus Poschner geleitete Bruckner Orchester Linz präsentierte das Bruckner-Opus sehr differenziert und mit schier unglaublicher Präzision. Farbige Streicher, ein fein abgestimmtes Holz, ein präzises Blech und exakte Pauken ergaben einen herrlich geschlossenen Orchesterklang.

In der 2. Sinfonie von Brahms sind nicht nur helle, heitere Töne zu finden, es gibt auch grüblerische, melancholische Stimmungen aufzuspüren. Poschner entlockte dem exzellenten Orchester wahre Prachtklänge und erzielte damit einen fulminanten Publikumserfolg.«

Oberösterreichisches Volksblatt, 26.09.2020
Foto: Reinhard Winkler

Bruckner Orchester Linz

Bruckner-Befragungen V

Jan David Schmitz (Leiter Programmplanung, Dramaturgie und szenische Projekte, Brucknerhaus Linz) im Gespräch mit Markus Poschner über die Sinfonie Nr. 6 A-Dur WAB 106 von Anton Bruckner (und die Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90 von Johannes Brahms).

Teil 5 in einer Reihe von Bruckner-Befragungen, die seit dem Internationalen Brucknerfest Linz 2018 immer dann stattfinden, wenn das Bruckner Orchester Linz unter der Leitung seines Chefdirigenten im Brucknerhaus Linz Werke des Namensgebers beider Institutionen zur Aufführung bringt. In der Summe wollen diese Gespräche einen von Vorurteilen möglichst freien Blick auf Anton Bruckner und seine Werke werfen und damit nicht zuletzt einem neuen Bruckner-Bild den Weg bereiten.

Nichts bei Bruckner ist Zufall. Alles hat irgendwo einen Urgrund, eine Verbindungslinie.

Markus Poschner