Jazz

Speak low (KURT WEILL) live from Lugano 2015

Cristina Zavalloni voice
Markus Poschner piano

 

Jazztage Dresden 2012 – live recording

Markus Poschner piano
Hugo Siegmeth sax
Ngyen Le guitar
Harry Scharf bass
Bastian Jütte drums

 

Beethoven und Jazz

„Sich vom Gewöhnlichen entfernen“ war Beethovens ureigenstes Credo, was er stets mit viel Sinn für Humor – den ihm ja bis heute kaum einer ernsthaft zutraut – umzusetzen wusste. Und genau das ist ihm mit seiner zweiten Symphonie gelungen, wie beinahe mit keiner anderen.

Mit diesem Werk überschreitet Beethoven erstmals die Grenzen der Zumutbarkeit. An der Nase herumführen, ins Leere laufen lassen, verwirren, verführen und das alles mit schier kindlicher Freude, das scheint sein Programm gewesen zu sein. Die Reaktionen auf die Uraufführung am 5. März 1803 waren dementsprechend. So erschien in der „Leipziger Allgemeinen musikalischen Zeitung“:

„Endlich ist auch eine zweite Sinfonie von Beethoven soeben erschienen. Sie ist ein merkwürdiges, kolossales Werk von einer Tiefe und Kraft, wie nur sehr wenige…Sie will selbst von dem geschicktesten Orchester wieder und immer wieder gespielt sein, bis sich die bewundernswürdige Summe origineller und höchstseltsam gruppierter Ideen enge genug verbindet, abrundet und nun als große Einheit hervorgeht…zu geschweigen, dass sich auch jeder an so ganz Eigenthümliches, als hier fast alles ist, doch erst ein wenig gewöhnen muss.“

Eben dieses „Eigenthümliche“ hat uns zum diesjährigen Festivals „philintesiv“ inspiriert. Wir wollen zwei Sphären berühren, die die Grundprinzipien zweier Musikkulturen verkörpern: Improvisation und Komposition. Big Band und Symphonieorchester. Jazz und Klassik. Scheinbar unvereinbar stehen sie einander gegenüber.

Der estnische Komponist Erkki-Sven Tüür schrieb mit seiner 5. Symphonie für Big Band und Symphonieorchester ein zukunftweisendes Meisterwerk. Seine Musik, von Rhythmus, von Spontaneität und einem außergewöhnlichen Farbspektrum geprägt, ist radikal und kompromisslos. Und vor allem schöpft sie aus dem beinahe unendlichen Klangreichtum zweier orchestraler Ensembles.

Auch Antonin Dvorak ließ sich in seiner neunten und letzten Symphonie vom endlosen Reichtum der amerikanischen Kultur inspirieren, um seinen mittlerweile weltberühmten Gruß voller Heimweh an die tschechische Heimat zu senden. Der Gospel „Swing low, sweet chariot“ findet darin genauso seine Verarbeitung, wie so manche indianische Melodie.

Jazz ist die Sprache der Freiheit. Einengungen oder Beschränkungen sind ihr unbekannt.
So gesehen ist Beethovens Musik wieder ganz nah.
Nein, natürlich bedarf Beethoven keiner Ergänzung, keiner Hinzufügung. Seine Kunst steht für sich. Sie ist auf ihre Art vollkommen. Jede Note hat ihren eigenen, bestimmten Platz und da gibt es auch nichts daran zu rütteln. Aber auch Beethoven gab sich mit seiner musikalischen Umwelt, so, wie er sie vorfand, nicht zufrieden. Er musste die alten Ausdrucksformen weiterentwickeln und seine eigene Tonsprache erst erfinden, um das sagen zu können, was ihn bewegte.

Auch Jazz ist schon immer aus Fusion entstanden. Den Ursprung, den Blues, schufen Sklaven in New Orleans, indem sie Elemente ihrer eigenen afrikanischen Kultur mit dem mischten, was sie vom europäischen Kontinent herüberschwappen hörten. Immer wieder wurde Neues und Eigenes mit dem Alten vermengt. Nur eines blieb immer gleich: die Mentalität, die Spontaneität, also das Improvisieren – und die Liebe zur Freiheit, denn jeder Musiker erfindet jedes Mal wieder Jazz für sich neu.

Trotz dieser scheinbar unüberwindlichen Distanz zu Beethovens Zeit erleben wir seine Musik doch noch so vertraut und aktuell, als ob sie gerade eben erst geschrieben worden wäre. Sie spricht uns direkt an. Von seiner Musik geht soviel Energie aus, dass man sich ihr einfach nicht entziehen kann. Beethoven ist ansteckend. Seine Melodien gerade in seiner zweiten Sinfonie sind klar und einprägsam. Die Themen des 2. Satzes könnten allesamt Volksliedern entstammen. Franz Schubert scheint schon zum greifen nah.

Die Idee der Kombination zweier Ensembles auf einer Bühne symbolisiert eine Form der Kommunikation über alle Grenzen hinweg. Eine Form der Kontaktaufnahme – eben auch mit Beethoven oder Dvorak, aber in der Sprache des 21. Jahrhunderts. Wir wollen laut und für jeden hörbar nachdenken, über alte Partituren, deren Themen und Ideen reflektieren, sich inspirieren lassen und phantasieren dürfen.

Unser Festival ist ein Experiment, natürlich. Ein Experiment allerdings auch, das die Musik in ihrer eigentlichen Bestimmung sieht, funktionslos und ohne Zweckgebundenheit: als eine universelle Sprache eben.

 

Astrid North & Markus Poschner live (Bremen 2008)

Astrid North & Kai Wingenfelder vocals
Markus Poschner piano
Bela Brauckmann cajon & sampling