Markus Poschner über Mahler

Auf der Suche nach einem Genie

Träumerisch, heißt es, sei Mahler schon als Schüler gewesen, jemand, der alles in sich aufsog, um es irgendwann in Musik umzusetzen.

Am Attersee und in Toblach ließ er sich “Komponierhütt’n” bauen, Orte fernab der Welt. Dort war der leidenschaftliche Wanderer Mahler seiner Natur am nächsten. Zu einem jungen Kollegen, den das Bergpanorama begeisterte, soll er gesagt haben: “Sie brauchen sich gar nicht umzusehen – hab’ ich alles schon wegkomponiert.” Aufgesogen.
Von der Militärkapelle bis zur Almwiese erfasst Mahlers Musik den gesamten Kosmos in Klängen. Schon in der 1. Symphonie sind Ansätze von Kompositionstechniken erkennbar, die heute unter dem Begriff „Sampling“ die Musikwelt beherrschen, und immer wieder parodiert Mahlers Musik sich selbst.

So befragte sich Musik zum ersten Mal selbst nach ihrem Grund. Das war völlig neu – und vor allen Dingen ein Schock. Nur wenige, wie z.B. der alte Johannes Brahms, der Mahler nach einer Aufführung der gigantischen 2. Symphonie zum „künftigen König der Revolutionäre“ erklärte, erkannten damals schon das Genie.

Die Unsicherheit und Doppelgesichtigkeit einer großen Zeitenwende hat Mahler so gültig formuliert wie kein anderer: Hier der Glanz des Vergangenen, der Schmerz über das für immer Verlorene, und dort die visionäre Gewissheit des Neuen samt der damit verbundenen Euphorie, ein Teil von ihr zu sein. Immer wieder dieses Janusköpfige. Mahler, der Jude, der Konvertit, der religiöse Katholik. Mahler, der Familienmensch, der tief getroffen ist vom Tod seiner Tochter Marie Anna und der Untreue seiner jüngeren Frau Alma, der aber sein Familienleben rigoros seinem künstlerisch-kompositorischen Schaffen unterordnet.

Mahlers Klänge sind bis zum heutigen Tag immer aktuell. Sie stehen für bedingungslose Hingabe und Liebe, für die Gewalt der Natur, für Sehnsucht, Aufbruch und Leidenschaft, Verstörendes und Zerreißendes. Er wollte Musik machen, dass den Leuten Hören und Sehen vergeht, wie er es selbst formulierte.

Der große Dirigent und Komponist Leonard Bernstein sagte einmal, Mahlers Musik sei deutsche Musik hoch X, denn seine Werke erschienen wie die Quintessenz aus mindestens 400 Jahren Musikgeschichte, seien Abschluss und Neubeginn in einem.

Jene, die ihn hassten, taten dieses nicht selten aus dem Gefühl latenten Unbehagens einer unbestimmten Moderne gegenüber – dahinter steckte pure Angst. Angst vor jenem Mahler, der die Tonalität nur bis zu einem gewissen Grad auflösen wollte, der Schönberg durchaus ambivalent gegenüber stand, ihn einerseits unterstützte, ihm andererseits nicht folgen konnte und wollte. Mag es Anekdote sein, dass Mahler nach einer Probe von Schönbergs Kammersinfonie op. 9 die Musiker um einen C-Dur-Dreiklang bat und diesen mit einem schlichten “Ich danke” quittierte – es ist symptomatisch für einen musikästhetischen Konflikt, der das gesamte 20. Jahrhundert im Griff hatte und nur eines unabwendbar beweist: Die Kunst war privat, der Künstler einsam geworden.

An diesem Scheitelpunkt steht Gustav Mahler, ein Komponist, der keine musiktheoretischen Schriften veröffentlichte und doch unersetzbarer Teil der avantgardistischen Haltung seiner Zeit geworden war.

Erst spät, in den 1960er Jahren, wurde wieder begonnen, sich intensiv mit Mahler zu beschäftigen. Interessanterweise war das in Bremen anders. Bereits in den 20ern setzte der Komponist und Bremer Kapellmeister Manfred Gurlitt sämtliche großen Symphonien Mahlers auf das Programm und schon 1904 hatte der damalige Chefdirigent der Bremer Philharmoniker und glühende Mahler-Verehrer Karl Panzner die 2. Symphonie in Bremen erstaufgeführt und damit den Grundstein für unsere Entdeckungsreise gelegt. So zeigte sich die Stadt einmal mehr neugierig und aufgeschlossen gegenüber einem Genie.
Wenige Wochen nach Mahlers Tod im Jahre 1911 überschreibt Arnold Schönberg seine revolutionäre “Harmonielehre” mit folgender Widmung: “Dem Andenken Gustav Mahlers ist dieses Buch geweiht.”

Wir wollen mit unserem groß angelegten Mahler-Zyklus weiter auf der Suche bleiben um verstehen zu können, was sich in und hinter dieser unbeschreiblichen Kunst Gustav Mahlers verbirgt.

Markus Poschner, 2012