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Herr Poschner, „La Damnation de Faust“ von Hector Berlioz ist die letzte Inszenierung, die Sie als Generalmusikdirektor am Theater Bremen dirigieren. Das ist ja mindestens inhaltlich ein düsterer Abschied.

Markus Poschner: Auf jeden Fall ist es ein sehr intensiver Abschied. Düster sind ja eigentlich fast alle Opernstoffe.

Naja, die „Verdammung von Faust“ ist schon ein besonders schwerer Klotz.

Gleichzeitig ist es einer der visionärsten Stoffe, den es gibt. Deshalb stand die Oper auch ganz oben auf meiner Wunschliste. Sie verlangt allen Beteiligten im Theater das Maximum ab.

In wiefern?

Die Gesangspartien zum Beispiel sind äußerst ungewöhnlich. Es gibt nicht viele Tenöre, die das singen können, das geht hoch bis zum Cis. Auch die Sopranpartie bewegt sich längst nicht nur in der Mezzo-Stimmlage. Das Orchester muss sich mit der ungeheuren Stilvielfalt der Partitur auseinandersetzen und mit diesem virtuosen Ansatz, den Berlioz wie kein zweiter beherrscht hat. Das ist alles andere als Standard. Alle Beteiligten laufen auf Hochtouren, und das macht enorm Spaß.

Das Stück wird nicht sehr oft gespielt, wohl auch, weil es stilistisch schwer zu fassen ist. Es lebt von Brüchen, sowohl inhaltlichen als auch musikalischen. Das passt eher zum 20. als zum 19. Jahrhundert, oder?

Das Stück ist eigentlich überhaupt nicht zu greifen, und es reicht in der Tat weit ins 20. Jahrhundert hinein. Bei seiner Uraufführung 1846 ist es durchgefallen; die Zeit war offenbar noch nicht reif dafür. Berlioz hat es als „dramatische Legende“ bezeichnet, es ist irgendetwas zwischen Oratorium, Sinfonie, dadaististischem Werk, absurdem Theater und Revue. Mit dem Goetheschen Faust hat das nur am Rande zu tun. Und es findet außerhalb jeder Zeitvorstellung statt. Das ist toll: Wenn man das umsetzt, bleibt viel Zwischenraum für Fantasie. Es ist ein Traumstück, das immer wieder zum Albtraum wird. Auch das Publikum muss so ein Werk erst einmal bewältigen.

Wie wird das Bremer Publikum darauf reagieren?

Da habe ich überhaupt keine Sorge. Wir sind hier mit sehr neugierigen und offenen Menschen gesegnet. Ich hoffe wie immer auf diese besondere Aufgeschlossenheit des Publikums, weil wir diesen Steilpass ins Traumhafte, den wir von Berlioz kriegen, als Plattform nutzen. Es wird auch um diese große Einsamkeit gehen, die dieses Stück ausstrahlt. Jede Figur bleibt in ihrer eigenen Fantasie und Wahrheit, sie singen aneinander vorbei, es gibt keine Interaktion, jeder bleibt in seinem Traum.

Nach Parsifal und Simplicus Simplicissimus ist Faust im Musiktheater dieser Saison bereits der dritte solitäre Charakter. Haben Sie den Spielplan an diesen Figuren entlang gebaut?

Eine Fixierung ausschließlich auf diese Helden hat nicht die entscheidende Rolle gespielt bei der Gestaltung des Spielplans, aber der Gedanke bietet sich natürlich an. Auch in der vergangenen Saison konnte man durchaus Querverbindungen zwischen den beiden Anti-Helden Wozzeck und Peter Grimes ziehen. Von der Erzähltechnik, dem Abheben auf eine Traumebene und eine Utopie, sind die Stücke sich aber tatsächlich ähnlich, und bei den Heldenfiguren gibt es deutliche Schnittmengen. Außerdem war Wagner deutlich beeinflusst von Berlioz, da ist eine klare Linie in der ästhetischen Umsetzung zu erkennen.

„Damnation de Faust“ ist ihre letzte Premiere am Bremer Theater. Vor zehn Jahren haben Sie mit Verdis „Nabucco“ hier begonnen. Damals hatten Sie zuvor in Bremen noch keine Oper dirigiert. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

Das war schon aufregend, auch, weil „Nabucco“ gleich so eine riesige Produktion war, in die so viele Menschen involviert waren. Das Ensemble war gespannt, weil natürlich noch niemand wusste, wie arbeitet der da vorne oder was verlangt er so. Es braucht ja Jahre, ehe man zusammenwächst, ehe diese größte Währung, die es unter Musikern gibt, überhaupt entstehen kann: Vertrauen. Weil man immer sein Persönlichstes gibt bei Probenprozessen, ob nun als Dirigent, Sänger oder Instrumentalist. Jeder ist stark darauf angewiesen, auf gegenseitigen Respekt zu stoßen. Gleichzeitig muss ich einen großen Apparat qualitativ von A nach B bekommen. Deshalb freue ich mich schon seit einigen Jahren, die Ernte dieser Jahre einfahren zu können: Das Ensemble, die Philharmoniker und ich können uns aufeinander verlassen, wir sind gelassener und gleichzeitig effektiver, weil konzentrierter. Auch dank der Intendanz von Michael Börgerding übrigens. Wir haben nun ein klareres Bild von Theater und den Kopf frei, um uns dem Wesentlichen zuzuwenden. Das ist die Voraussetzung für Qualität.

Das klingt nach einem langen Lernprozess.

Jeder Tag ist ein Lernprozess. Dies zu ignorieren hieße, künstlerischen Selbstmord zu begehen. Da kann keiner daher kommen und behaupten: Ich weiß, wie es geht. Entscheidend ist, ständig in Bewegung zu bleiben und auch andere Meinungen anzuhören. Gleichzeitig ist klar: Die perfekte Umsetzung kann man nie erreichen, es kann immer besser sein als am Abend zuvor.

Gibt es eine Produktion, die Sie noch gerne umgesetzt hätten?

Ich hätte wahnsinnig gerne den „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner hier gemacht. Und zwar speziell „bremisch“.

Und warum ist dieser Wunsch unerfüllt geblieben?

Schon vor einigen Jahren haben wir überlegt, was ein „Bremer Ring“ sein könnte. Es ging nicht darum, dieses große Projekt für ein mittleres Haus wie Bremen herunterzurechnen, sondern etwas ganz Eigenes auf die Beine zu stellen. Wir haben viel darüber gesprochen, sind aber letztlich zu keinen Durchbruch gekommen. Das muss man akzeptieren.

An was ist es gescheitert?

Na ja, nehmen wir nur mal das rein Technische: So ein Projekt hätte sehr viele Auswirkungen auf den gesamten Spielbetrieb gehabt, weil es so viele Ressourcen über einen langen Zeitraum gebunden hätte, personelle wie finanzielle. Die Fragen wären gewesen: Wie ist das Timing? Was spielt man außerdem? Will man die ganze Spielzeit ausschließlich dem „Ring“ widmen? Wobei uns dieses Risiko auch gereizt hätte…

…als außergewöhnliches Konzept?

Genau. Die eigentliche Frage nach der großen Vision. Was genau bedeutet der Faktor Bremen bei dieser Aufgabenstellung? Aber die Zeit war vielleicht noch nicht reif. Ich will dem nicht nachweinen, ich habe mit meinem Team so viele tolle Sachen in Bremen machen können.

An was erinnern Sie sich besonders gerne?

Natürlich an „Mahagonny“, da haben wir erstmals den Bremer Theater-Raum völlig neu erfunden und erfahren. Aber vor allen Dingen an „Wozzeck“, die „Meistersinger“ und „Mahler III“. Auch an „Les Robots ne conaissent pas le Blues oder Die Entführung aus dem Serail“ erinnere ich mich wahnsinnig gerne, weil dieser Abend ein weiteres Mal den Rahmen gesprengt hat. So denke und fühle ich Theater; das Repertoire wird sich immer wieder neu für uns öffnen, wenn wir das zulassen. Und so können wir das Publikum immer wieder entführen, es durchaus auch mal beunruhigen und Brücken schlagen von den Werken zu den Zuschauern. Und natürlich unterhalten – das ein ganz wichtiger Aspekt, der nicht unterbewertet werden darf. Wir dürfen den Kontakt nie verlieren. Wenn der Funke nicht überspringt, dann liegt das immer an uns und nie am Publikum. Dann müssen wir überlegen, was wir falsch gemacht haben und es das nächste Mal besser machen.

Wenn Sie für das Theater Bremen bei der Theaterfee einen Wunsch frei hätten, wie würde der lauten?

Ich würde mir wünschen, dass in Bremen sämtliche Wege direkt ins Theater führen, so dass niemand daran vorbei käme, seinen Fuß in dieses großartige Theater zu setzen. Die, die zum ersten Mal kämen, wären von dieser Zauberwelt sofort fasziniert, da bin ich sicher.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.